Ivar der Knochenlose

Ivar der Knochenlose gehört zu den faszinierendsten Gestalten der Wikingerzeit. Um seine Person ranken sich Legenden, historische Berichte und Mythen, die ihn bis heute zu einer schillernden Figur zwischen Geschichte und Saga machen. Bekannt wurde er vor allem als furchteinflößender Anführer und Stratege der Wikinger, dessen Name in England noch Jahrhunderte später Schrecken auslöste.
Ivar lebte im 9. Jahrhundert und gilt als Sohn des sagenhaften Ragnar Lodbrok. Ob Ragnar tatsächlich existierte oder eher eine Sammelfigur mehrerer Wikingerhelden war, ist bis heute umstritten. In den nordischen Sagas jedoch nimmt diese Vater-Sohn-Beziehung eine zentrale Rolle ein, denn Ivars Handlungen werden oft als Rache für den Tod Ragnars gedeutet. Der Beiname „der Knochenlose“ gibt Historikern bis heute Rätsel auf. Manche vermuten eine körperliche Behinderung, etwa eine Knochenerkrankung, andere sehen darin eine Metapher – möglicherweise für außergewöhnliche Beweglichkeit oder für Impotenz, wie es in manchen Quellen angedeutet wird.
Historisch greifbar wird Ivar vor allem im Zusammenhang mit dem sogenannten „Großen Heidnischen Heer“. Dieses Wikingerheer fiel ab dem Jahr 865 in England ein und stellte eine der größten militärischen Bedrohungen dar, denen die angelsächsischen Königreiche je ausgesetzt waren. Ivar wird häufig als einer der Hauptanführer dieses Heeres genannt. Anders als viele seiner Zeitgenossen scheint er weniger als klassischer Krieger, sondern vielmehr als brillanter Taktiker aufgetreten zu sein. Ihm werden raffinierte Täuschungsmanöver, strategische Allianzen und eine bemerkenswerte politische Weitsicht zugeschrieben.
Besonders bekannt ist die Eroberung des Königreichs Northumbria. Der dortige König Ælla soll – zumindest der Legende nach – auf grausame Weise getötet worden sein, angeblich durch den berüchtigten „Blutadler“. Ob diese Hinrichtungsart tatsächlich praktiziert wurde oder eine spätere literarische Überhöhung darstellt, ist unter Historikern stark umstritten. Unabhängig davon zeigt die Erzählung, welches Bild von Ivar überliefert wurde: das eines rachsüchtigen, gnadenlosen, aber auch charismatischen Anführers.
Nach seinen Erfolgen in England verliert sich Ivars Spur allmählich. Einige Quellen vermuten, dass er später in Irland herrschte, möglicherweise als Wikingerkönig von Dublin. Sein Tod wird oft um das Jahr 873 datiert. Interessanterweise berichten Chroniken, dass sein Grab als magisch galt und England angeblich nicht besiegt werden könne, solange seine Gebeine ungestört blieben – ein weiterer Hinweis darauf, wie stark Mythos und Geschichte bei Ivar miteinander verschmelzen.
Heute lebt Ivar der Knochenlose vor allem in der Popkultur weiter, etwa in Fernsehserien und Romanen. Doch jenseits der dramatischen Darstellungen bleibt er ein Symbol für die komplexe Wikingerwelt: brutal und klug zugleich, historisch greifbar und doch sagenumwoben. Gerade diese Mischung macht ihn zu einer der spannendsten Figuren des frühen Mittelalters.
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